Der Schnee vom letzten Jahr

Veröffentlicht: 13. Dezember 2011 in Die Welt ist alles, was der Fall ist

Zwischen deinen langen Beinen such den Schnee vom letzten Jahr

– doch: Es ist kein Schnee mehr da

Rammstein: Sehnsucht

Wir schreiben das Jahr 2011, noch ein paar Tage lang und eine kleine, marktradikale Splitterpartei hält weiter Kurs auf ihre finale Selbstversenkung. Derweil ist – drei Monate zuvor – von Berlin, der alten, neuen, hassgeliebten Hauptstadt, zur Abwechslung mal kein Krieg ausgegangen, sondern eine politische Niederkunft der erfreulichen Art: Fünf Jahre nach ihrer Gründung und zwei Jahre nach ihrem ersten Boom sind die Piraten in ein Abgeordnetenhaus eingezogen. Auf Landesebene, in einem Stadtstaat, in Berlin zumal – aber mit einem Ergebnis, das sagt: Wir werden es auch in der Fläche schaffen.

Gewöhnt euch an uns. Wir sind gekommen, zu bleiben.

Und schon ganz kurze Zeit später hat jeder in dieser jungen Partei das Gefühl, dass es fast unmöglich ist, sich die Fußnägel zu schneiden, ohne dazu von einem Reporter befragt zu werden. Die üblichen 15 Minuten Ruhm winken. Und dann besieht man sich diese Fragen, rekapituliert unsere Antworten, versucht ein Bild daraus zu formen und denkt sich: „HÄ? bin ich im falschen Märchen?“ Ja, liebe Kinder, in einem ganz falschen…

Das Erste, was immer aufs Tapet kommt, ist die Frage: Warum gibt es in der Piratenpartei so wenige Frauen? Die erste, schnellste Antwort ist: Weil es in den ersten Jahren dieser Partei hauptsächlich Zulauf aus technik- und forschungsaffinen Lebensläufen gab und da sind Frauen in der Minderheit. Die Zusammensetzung der Mitgliederschaft der Piraten bildet also nur die Wirklichkeit ihres Entstehenspools ab.

Einfach, plausibel und zu kurz gegriffen. Denn mittlerweile, schon am Ende der ersten grossen Neumitgliederwelle, so Anfang 2010, waren die Nerds nur mehr eine marginale aber aktive Gruppe in der Partei. Dennoch blieb der Ansturm weiblicher Mitglieder aus. Aktiver weiblicher Mtglieder. Denn dass das Verhältnis Männer:Frauen bei Parteiveranstaltungen aller Art etwa bei 5:1 liegt, ist sichtbar. Gut sichtbar. Ob sich dieses Verhältnis in die fast 20 000 passiven Mitglieder hinein in gleicher Weise fortsetzt? Wir wissen es nicht. Wir können es nicht wissen, denn wir wollen es nicht wissen.

Es gibt kein Feld männlich/weiblich zur Auswahl im Aufnahmeantrag der Piratenpartei Deutschland. Das ist kein Irrtum. Es ist Absicht. Wir Piraten sind post-Gender. Geschlecht, sexuelle Identität, sexuelle Orientierung spielen keine Rolle. Im Idealfall. Wie weit der einzelne Pirat in der Lage ist, allerley ansozialisierten Unfug der anderen, alten Art abzustreifen, um sich selbst dieser Auffassung anzunähern, kann nicht in genera beurteilt werden. Nur so viel: Es ist zweifellos mühsam, mitunter.

Zu all diesem hausgemachten Zores kommt nun auch noch die deutsche Presselandschaft über unsereinen und läst uns verzweifeln an ihrem Unvermögen, den eigenen Verstand, die eigene Wahrnehmung aktiv zu gebrauchen, statt sich, wie gehabt, ein paar stille Tage im Clichée zu machen. Da kommen die nicht raus. Die Welt der Journalisten scheint aus Setzkästen zu bestehen und aus journalistischen Gegenständen, die dort gefälligst hineinpassen…

Beim Landesparteitag der Piraten in NRW, erzählte mir eine ziemlich wütende Piratin aus Soest: “ Diese Frau von WDR2 hat die ganze Zeit über „harte“ politische Themen nur mit Männern gesprochen. Dann kommt sie zu mir und alles was sie wissen will, dreht sich um den geringen Frauenanteil in der Partei und darum, ob ich nicht gerne eine Quote hätte.“

Einmal passiert, zweimal ist Zufall, ab dem dritten mal ist es ein Muster. Und wie wir von unserer Politischen Bundesgeschäftsführerin gestern lesen mussten, ist es ein äusserst stabiles Muster. Wie gelingt es dieser Journaille, Frauen durch die Art von Fragestellung zu diskriminieren, postGender als mögliche Einstellung zu ignorieren und in der Conclusio dieses obskuren Haltungscocktails herzugehen und in politisch aktive Frauen eine Opferrolle hineinzufragen?

Sie drehen allesamt ihre mentalen Endlosschleifen im feministischen Konzept von Alice schwarzer. Männer sind Täter. Frauen sind Opfer. eine emanzipierte Gesellschaft von freien, aktiv handelnden Subjekten kommt ihnen nicht in den Sinn. Dass die Piraten – besonders an diesem Punkt – sagen, was sie meinen, kommt ihnen nicht in den Sinn.

Denn, so schloss er messerscharf,

dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

Christian Morgenstern

Stop. Weiterlesen => http://www.marinaslied.de/?cat=10 Das postemanzipatorische Elend geht in die nächste Runde.

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